DER TransPrivacy Blog

mit Texte, Schriften und Kommentare von Bloggern und Autoren zum Projekt

07.11.2011
21:33

Schatz, erzähl mir einfach alles ...

Bettina Hammer aka Bettina Winsemann aka Twister setzt sich seit Jahren mit verschiedenen Projekten für den Schutz der Privatsphäre und für die damit verbundenen Bürgerrechte ein. Von 2001 bis 2008 hat sie sich im Rahmen der Initiative stop1984 engagiert, in den letzten Jahren war sie verstärkt im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung sowie als Autorin für telepolis aktiv.

2009 erstritt sie im Rahmen einer Verfassungsbeschwerde gegen die Legalisierung der Onlinedurchsuchung (Stichwort Staatstrojaner oder auch W32/R2D2.A) vor dem Bundesverfassungsgericht das Grundrecht auf „Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme“.

Twister beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit dem Thema der Intimität, dem Recht auf Geheimnisse und dem Tabu des Lügens unter Freunden.
 

Schatz, erzähl mir einfach alles...

„Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ wird gerne gesagt, meist, wenn es darum geht, scheibchenweise von der Salami „Privatsphäre“ etwas abzutragen bis am Schluss nur noch die fettige Pelle über ist, von jeglichem Inhalt befreit.

Abgesehen davon, dass diese Ansicht letztendlich Privatsphäre als etwas Verwerfliches definiert, lässt sie auch außer Acht, dass es nicht im Ermessen des Einzelnen selbst allein liegt, ob er etwas zu verbergen hat oder nicht bzw. wie sich dies auswirkt, sondern dass es das Umfeld, die Strafverfolgung, die Gesellschaft sind, die hier die Bewertung vornehmen. Für viele klingt es viel zu abstrakt, wenn man in dieser Hinsicht von dem „Dritten Reich“ anfängt, von der Judenverfolgung und dergleichen – daher kann auf solche Argumentationsstränge durchaus verzichtet werden. Viele Menschen sind für Argumentationen offener, wenn sich diese auf einen Bereich anwenden lassen, den sie im täglichen Leben erfahren. 

In vielen Beziehungen kommt früher oder später der Moment, in dem einer der Partner eine Frage stellt, die den anderen unter Zugzwang setzt. Lügen bzw. etwas zu verbergen gehört in unserer Gesellschaft dazu, sie sind der Kitt des gesellschaftlichen Miteinanders, das absolute Offenheit unmöglich macht. Gleichgültig ob das Weihnachtsgeschenk der Oma als „wunderbar“ bezeichnet, der neue Freund der Freundin als „toller Typ“ angesehen oder der Abend mit den sterbenslangweiligen Kumpanen als „faszierend“ tituliert wird: mit der Lüge wird verhindert, dass es zu Auseinandersetzungen kommt, die dadurch entstehen könnten, dass die Offenheit nicht akzeptiert wird.

„Wer nichts zu verbergen hat...“ folgt hier der Idee, dass „Freiheit bedeutet, nichts mehr zu verlieren zu haben“. Der Mensch hat im allgemeinen etwas zu verlieren, weshalb er logischerweise auch nicht alles offenbart. Der Partner, das Kind, die gesellschaftliche Anerkennung, die Arbeit, die Wohnung, das Leben... viele Dinge im Leben sind davon abhängig, dass das, was man offenbart, auch von anderen akzeptiert wird. Genau deshalb sind viele Fragen innerhalb der Beziehung eine Tretmine. „Schatz, war der Sex schön für dich?“, „Waren deine Freundinnen besser im Bett als ich?“, „Findest du mich sexy?“, „Auf was stehst du eigentlich im Bett?“... oft sind solche Fragen auch schon so vorformuliert, dass klar ist, dass eine bestimmte Aussage erwartet wird. „Pornos sind doch wirklich ekelig, oder?“, „Die anderen Frauen waren bestimmt im Bett besser als ich, hm?“... Der Befragte weiß im Endeffekt, dass er, wenn er nun eine Aussage tätigt, die nicht dem Erwarteten entspricht, etwas zu befürchten hat – Streit, Frust, ggf. Trennung. Also verbirgt er etwas um die Beziehung zu erhalten. Ob dies auf Dauer gutgehen kann und wird ist die zweite Frage, doch für den Moment ist es erfolgreich. 

Dazu kommt, dass viele Menschen angelogen werden möchten. Das Klischee der Dame mit der grünen Gesichtsmaske, der Enthaarungscreme auf den Beinen, den riesigen Lockenwicklern im Haar, die fragt „findest du mich jetzt auch sexy?“ persifliert Begebenheiten, die in vielen Bereichen einer Beziehung vorkommen. Die Offenheit wird, oft auch aus eigener Unsicherheit heraus, höchstens als Angriff, als Beleidigung und Kränkung angesehen, weshalb sie vermieden wird. „Stell keine Frage, deren Antwort du nicht hören willst“ ist demzufolge ein guter Ratschlag.

Derartige Probleme sind in einer Beziehung, die auf völliger Offenheit basiert, nicht vorhanden, jedoch entsprechen eher wenig Beziehungen diesem Ideal. Doch auch in den Beziehungen, in denen Offenheit oberste Maxime ist, gibt es Momente, in denen es heißt „dazu möchte ich nichts sagen“. Offenheit bedeutet keineswegs automatisch den gläsernen Partner. Es bedeutet insbesondere auch Toleranz gegenüber der Tatsache, dass der Partner für sich eine Privatsphäre in Anspruch nimmt.

- Heuchelei - 

Diejenigen, die „nichts zu verbergen...“ propagieren, sind aber, was noch erschwerend hinzukommt, keine Partner, die eine gleichrangige Beziehung mit uns führen. Sie sind „über“ uns insofern als dass sie deklarieren können, welche verborgenen Geheimnisse zu welchen Sanktionen führen und was, was ggf. sogar noch vor kurzem offenbart werden konnte, nun strafbewehrt ist. Ein Beispiel hierfür wäre die sogenannte Anscheinskinder- und -jugendpornographie, die aus legaler Pornographie mit Erwachsenen, die ein kindliches Aussehen haben, nun eine strafbewehrte Pornographie macht. Wer also vor einiger Zeit noch gefahrlos mitteilen konnte, dass er sich Pornographie mit jugendlich/kindlich wirkenden Hauptdarstellern ansieht, wird dank neuer Regelungen nunmehr zu jemandem, der Pornographie, die der tatsächlichen Darstellung von sexueller Gewalt gegenüber Kindern gleichgesetzt wird, befürwortet und mag. Ein Beispiel dafür, wie sich Realitäten ändern, weshalb auch die Dinge, die im Verborgenen bleiben, sich stetig ändern. Gerade in Zeiten des Internet, der langfristigen Datenspeicherungen und der durch den Staat vorangetriebenen Spähmethoden kann insofern „nichts zu verbergen heißt nichts zu befürchten“ nur eine Platitüde sein, die ironischerweise von jenen vertreten wird, die selbst nur allzu oft etwas verbergen und dies, da sie sich als „die Guten“ ansehen, auch für völlig normal halten, während sie dies bei anderen verwerflich finden.

Privatsphäre ist etwas, was jeder anders definiert. Der eine benötigt Gardinen, der nächste verzichtet darauf, der eine geht mit seinem Sexualleben hausieren, der andere hält dies unter Verschluss, der eine nutzt Facebook, der andere gibt nicht einmal seinen Realnamen im Netz preis – Privatsphäre ist kein Begriff, der auf jeden gleich angewandt werden kann. Zugestanden muss sie aber jedem werden, denn sie ist nicht zuletzt auch ein Menschenrecht. 

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  • 1 Kommentar(e)
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Gravatar: hartmut finkeldeyhartmut finkeldey
21.11.2011
23:36

Ich möchte mich hiermit im allerherrlichsten Juristendeutsch einfach mal vollinhaltlich anschließen. das Thema wurde mir unter dem Stichwort "Panoramafreiheit" bewusst. In Belgien darf man, wenn ich es recht sehe, streng genommen nicht einmal das Atomium fotografieren und dann im Netz veröffentlichen. Unter dem erlauchten Deckmantel des Datenschutzes gehts hier bloß noch um copyrights, um Kohle. Ich danke Dir auch für den Mut, die Debatte auf das Problem der sog. opferlosen Straftat abzuheben. Im Zeitalter des pseudo-linken, pseudo-feministischen, pseudo-progressiven neopietischten Zerknirschungsdiskurses a la Alice Schwarzer/gender-für-Dumme/DummInnen riskierst Du eine Strafanzeige. Und wenn Du auf final durchgeknallte Staatsanwält/innen/e triffst, sogar n Prozess.

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